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 Betreff des Beitrags: Earthworm Jim
BeitragVerfasst: 24.02.2014 23:27 
Mr SNES
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Genre: Action/Jump 'n Run
Entwickler: Shiny Entertainment
Publisher: Virgin / Playmates
Release: 1994

Regenwurm Ringelchen dreht sich zum Kringelchen!

An weitere Verse aus diesem Kinderlied erinnere ich mich nicht. Nach knapp 30 Jahren können einem solche Dinge allerdings auch komplett entfallen. Vom erlernten Grundschulwissen sind eigentlich nur noch das kleine "Ein-mal-eins", das große wie auch kleine "ABC" und bruchhafte Erinnerungen an MASK und Masters Of The Universe übrig. Ich kann jetzt nicht gerade behaupten, ein allzu großes Faible für Tierchen der Gattung Lumbricidae zu haben, aber irgendwie waren die Erdwürmer auch in der Kindheit doch immer mit dabei. Jahrelang war ich dem Irrglauben aufgesessen, das Wachstum der Regenwurmpopulation mittels eines Spatens beschleunigen zu können, indem ich sie mittig zerteilte. Weitere Massenmörde geschahen als ich die Tierchen an die selbstgebastelte Angel klemmte und im Bach ersäufte, weil ich auf Jagd nach Stichlingen gehen wollte. Während der Pubertätskrise rückte ein bedeutender Regenwurm mein Bild dieser Gattung gerade. Dieser Typ hält sich seitdem vehement auf den vorderen Rängen in meiner ganz persönlichen Top Ten der schrulligsten Videospielehelden aller Zeiten. Die Rede ist natürlich von Jim - Earthworm Jim um genau zu sein.

Man muss es sich in etwa so vorstellen: Es ist 1994, das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und jeder erwartet die Ankunft eines affigen Duos, das mit revolutionärer Grafik im Rücken und marioeskem Gameplay bereits im Vorfeld schon für offen stehende und triefende Mampfluken sorgt. Es ist aber auch das Jahr der großen Enttäuschung. Die Fußball-WM in den USA ging zumindest für Deutschland mächtig ins Beinkleid. Und wiederum es ist das Jahr der schrägen Witze. Ein aufstrebender, chaotischer und unglaublich unlustiger Viva-Moderator namens Stefan Raab bringt eine Single-CD auf den Markt, die den damaligen Bundestrainer regelrecht lächerlich dastehen lässt. Es ist das Jahr, das elektronische Musik endgültig zum halbgaren Massenprodukt degradiert, welches von den muffigen Untergrundclubs hin zu Open Air Gefilden umschwenkt und nebenbei die allerallerschrecklichsten Modeverbrechen - inklusive Sonnenblumenmissbrauch - zutage führt, die man sich vorstellen kann. Verklärtheit! Man glaubt, man hätte bereits alles gesehen. Man erklärt die Neunziger bereits für "durch".

Und dann ist da auf einmal Jim! Ein Regenwurm in einem muskelgestählten Superkampfanzug - einen krasseren Gegensatz kann es wohl kaum geben. Und als wäre Jim nicht schon irre genüg, hat er noch eine ganze Truppe schräger Charaktere im Schlepptrau. Skurrile Helden und Gegner hat man zwar andernorts schon gesehen, doch keiner davon trumpft in einem so gnadenlos dichten und technisch hervorragenden Gagreigen auf, der nebenbei auch noch richtig gut spielbar ist. Einer der Namen hinter dem Game ist David Perry. Den findet man zuvor auch schon in den Credits zu Spielen wie Aladdin, Cool Spot oder Disney's Dschungelbuch - mal in der Version vom Mega Drive, mal in der SNES-Variante. Zumindest Cool Spot deutet den Weg des schrulligen Helden an. Spielerisch auch sicherlich ein gutklassiges Game, jedoch vermisst man hier auf lange Sicht noch ein wenig Abwechslung. Sowohl Aladdin als auch das Dschungelbuch sind zumindest toll spielbare Jump 'n Runs mit liebevoller Aufmachung. Earthworm Jim ist eine konsequente Vermengung der Ingredienzen. Beim Verrühren hat der zuständige Designer aber scheinbar die ganze Pulle Wahnsinn in den Sud geworfen oder sie eben selbst bis auf den letzten Tropfen ausgesoffen und sich in den Kessel erbrochen. Jedenfalls hatten die Jungs von Shiny beim Zurechtbrutzeln von Earthworm Jim die Pfanne spürbar heiß! Und ich merk beim Schreiben langsam auch, dass es im Nacken wärmer wird. Also zurück zu den Tatsachen:

Die Rettung der hübschen Princess What's-her-name steht an. Die flotte Biene (!) wird von ihrer Zwillingsschwester, der ekelerregenden, bösen Königin, eine triefende und abscheuliche Veräppelung auf die Königin aus dem Sci-Fi-Klassiker Aliens: Die Rückkehr, gefangen gehalten - warum auch immer. Jim erhält mehr oder weniger zufällig den Superkampfanzug, der ursprünglich der bösen Königin gehörte, und wird gleichzeitig zur Zielscheibe von Psy-Crow, einer fiesen Krähe, die ebenso in so einem schmucken Anzug wohnt. Es gilt also, dem gemeinen Psy-Crow zu entgehen und der bösen Königin auf die schmierigen Griffel zu hauen. Im Spiel selber nimmt man den Storyansatz nicht wirklich war. Aber im Handbuch liest es sich zumindest noch ganz nett. Und wen die Geschichte interessiert, der schaut sich einfach mal nach der durchgeknallten Cartoonserie auf Video oder DVD um.

Das Spiel selbst begnügt sich mit einer Hatz von einem völlig beknackten Planeten zum nächsten, auf denen sich Jim gegen seine Einwohner behaupten muss. Dabei kommen insgesamt sieben verschiedene Level (teils mit Unterlevel) heraus, die vor Abwechslung und Spielwitz nur so sprudeln. Level eins ist beispielsweise ein planetarer Schrottplatz, bewacht von dümmlich grinsenden Bulldoggen, Mülltonnen-Mechs und dem Obermotz Chuck, dessen reversible Peristaltik dutzende Stinkefische zutage fördert. Bereits im ersten Level schöpft das Spiel sowohl mechanisch als auch technisch aus den Vollen. Jim hechtet geschmeidig animiert und sauber spielbar über alte Autoreifen hinweg und ballert sich munter seinen Weg frei. Allerlei Gags lockern den Spielverlauf immer wieder auf. Man fragt sich zunächst, wieso man ausgerechnet eine Kuh in den Orbit katapultiert. Nach reiflicher Überlegung dämmert es einem: Schlichtweg weil ist halt so!

Level zwei ist ein infernalisch heißer Feuerball mit fieser Fahrstuhlmusik im Hintergrund. Beamte bombardieren die einen mit Formularen und obendrein muss man einem Schneemann das Schmelzen lehren. Das Design grenzt sich stark vom ersten Level ab und es gibt so einige Geschicklichkeitsprüfungen bevor man dem Obermotz Eek the Cat die neun Leben auspusten darf. Klingt bescheuert? Nun, es kommt viel besser! Den Spieler erwartet der Ritt auf einem Hamster in einer Unterwasserstation, eine extrem haarige Tauchfahrt in einem Mini-U-Boot, das Gassigehen mit Pete Puppy (ein liebes, kleines Hundchen das von Null auf gleich zu ner grausigen Bestie mutiert, wenn Jim nicht ordentlich aufpasst), der Kampf gegen ein Roboterhühnchen im riesigen Labor von Professor Monkey-For-A-Head, jener Professor selbst, Bungeespringen im Land von Major Mucus, und, und, und. Der Reichtum abgefahrener Ideen und teils versponnener Laufwege bricht bis zum bitteren Ende nicht ab und der Umfang geht insgesamt durchaus in Ordnung. Lediglich Snot-A-Problem entpuppt sich weniger als richtiger Level, sondern eher als Minigame mit drei verschiedenen Stufen. Als quasi-Bonusrunde rast Jim auf ner Rakete von Planet zu Planet. Dabei sitzt ihm stets der fiese Psy-Crow im Nacken. Kommt dieser vor Jim auf dem nächsten Planeten an, muss man ihm obendrein noch in einem Extraspielchen gegenüber- und in den Allerwertesten treten.

Jim verlässt sich dabei nicht nur auf die Muskelkraft seines Anzugs und seinen Blaster. Er selber dient dem Kampfanzug als Rotor, um gemütlich über Abgründe hinweg zu gleiten. Außerdem stellt er eine Peitsche dar, mit der er einerseits von Haken zu Haken schwingen kann und hält zudem als sekundäre Waffe her. Kopfarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Für den Blaster sammelt man in den Stages reichlich Munition ein. Optionale Energiegeschosse liefern ein etwas deftigeres Feuerwerk. Ansonsten gibt es sammelbare Lebensenergie und hier und da ein Extraleben. Mehr braucht das Sammlerherz nicht.

Kann es bei allem audiovisuellen Irrsinn und der spielerischen Güte überhaupt noch Kritikpunkte geben? Ja leider, aber diese halten sich in Grenzen. Einsteigern wird das Vorankommen nicht immer leicht gemacht. Die verschiedenen Stages rücken immer wieder auch neue mechanische Elemente in den Focus, deren Lösungen teils mit der Brechstange herbei geklöppelt werden wollen. In der Pete Puppy Stage sind Timing und Geschick besonders gefragt, denn man muss weniger den guten Jim über die Stolperfallen buchsieren, sondern dafür sorgen, dass Pete unbeschadet nach Hause kommt. Aber das Gelingen ist immerhin erlernbar und nicht zwingend eine Glücksfrage. Fast schon eine Frechheit ist hingegen die "Tube Race"-Sequenz. Zwar steuert sich das Mini-U-Boot nach etwas Einübung hervorragend, bis man jedoch die versteckte Luftzapfsäule gefunden hat, dürfte das U-Boot bereits zig mal zerplatzt sein wie eine Seifenblase. Auch in der letzten Stage vor dem großen Showdown geht es Jim ordentlich ans Leder. Die Tausendfüßler schnippeln den Anzug ohne Erbarmen direkt in der Mitte durch. Überhaupt ist der Laufweg der letzten Stage sehr friemelig. Dutzende Stachelfallen und winzige und obendrein glitschige Plattformen können für reichlich Frust sorgen. Earthworm Jim ist selbst auf dem einfachsten der drei Schwierigkeitsgrade nicht immer easy. Ein bisschen was muss man schon dafür tun, um den Abspann zu sehen.

Ansonsten kann man nicht großartig über die SNES-Version als vollwertiges Actionspiel klagen. Dennoch wird gerne auch die Version des Mega Drive hervor gepult, um am SNES-Jim herum zu kritteln. Ja, es gibt einen exklusiven Level mehr auf dem Mega Drive. Das war es aber auch schon an den merklichen Änderungen auf Seiten des SNES. Von einer Einschränkung kann man hier nicht sprechen: Earthworm Jim ist entsprechend straff inszeniert. Die spielerische Abwechslung ist voll da. Grafisch ist es ein absoluter Hingucker. Und letzten Endes ist auch der oft kritisierte Sound eine reine Geschmacksfrage. Während Kritiker den etwas dumpfen und matschigeren Gesamtsound auf dem SNES kritisieren und die klaren Samples des Mega Drive Soundgerüstes bejubeln, fällt im Begeisterungstaumel gar nicht auf, dass sich erst durch den recht matschigen SNES-Sound die Melodien um einiges besser entfalten. Im Hause Sega klingen die Kompositionen trotz klarer Samples wesentlich dudeliger. Es hat ein wenig den Eindruck, dass die verwendeten Digi-Instrumente nicht immer zusammen passen. Das sind allerdings auf beiden Seiten Meckereien auf höchstem Niveau. Perfekt ist Earthworm Jim jedoch auf keinem System. Das Leveldesign ist irre abwechslungsreich, schwächelt aber zum Schluss doch ein wenig. Die Balance ist durch manch fiesen Kniff der Macher ebenso ein wenig unausgeglichen.

Spielerisch ist Earthworm Jim ein sehr gelungenes und urkomisches Jump 'n Run mit viel, viel krachender Action und einer Menge irrer Einfälle, die sich konsequent zwischen genial und grenzdebil einordnen lassen. Und so sollte es ja auch sein. Allein der Held spricht Bände. Auch technisch haben die Macher das SNES im Griff. Audiovisuell ist das Game hervorragend gelungen. Lediglich manch freche Belastbarkeitsprobe nagt etwas am Gemüt des Spielers. Erst ganz zum Schluss ebbt der frische Wind des Designerwahnsinns ab und schwenkt in einen gemeinen, aber immerhin relativ kurzen Endspurt um.

Gesamtwertung: 8
Grafik: 9
Sound: 9
Spielspaß: 8


Zuletzt geändert von Horst_Sergio am 25.02.2014 00:01, insgesamt 1-mal geändert.


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Sebel hat geschrieben:
Jeder Horst muss seine Pups-Sammlung präsentieren...

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 Betreff des Beitrags: Re: Earthworm Jim
BeitragVerfasst: 24.02.2014 23:39 
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Absolut genial! Ich habe fast das Gefuehl vor dem Bildschirm zu sitzen und von dir Live die Spieleigenschaften vorgefuehrt zu bekommen. Mein Niveau hast du damit schon lange ueberschritten :)

Ein Problem beim Einpflegen in Zukunft sehe ich aber noch... Wo faengt das Fazit an? :D



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 Betreff des Beitrags: Re: Earthworm Jim
BeitragVerfasst: 24.02.2014 23:49 
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Ich habe mich ehrlich gesagt ziemlich schwer mit dem Artikel getan, aber vielen Dank für das Lob. ;)

Gerade die für mich gefühlte Abwertung durch die Erwähnung des Ablegers aus dem Hause Sega hat es mir nicht leicht gemacht, den Artikel relativ flüssig zu halten. Ich wollte erst rein subjektiv dem Spiel die meiner Meinung nach verdienten 9 Punkte geben und ein Statement wie "was interessiert mich, was andere für selbstgebastelte Schrottkonsolen nutzen" ablassen. Nun ja, im Endeffekt ist es wohl doch sowas wie ein Review geworden. Oh ja: Fazit. Ich schreib am letzten Absatz noch ein bisschen herum. :)



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Sebel hat geschrieben:
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