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 Betreff des Beitrags: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 13.01.2014 13:17 
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Genre: Jump 'n Run
Entwickler: Traveller's Tales
Publisher: Sony Imagesoft
Release: 1994


Früher war alles noch unfair!

Dachte ich zumindest immer. Es gab Wutattacken, die mich dazu brachten, dieses Spiel regelrecht aus dem SNES zu reißen und an die nächste Wand zu klatschen. Oder habe ich das nur geträumt? Nein, ich denke nicht. Aber das ist ja schon fast 19 Jahre her. Da muss die Erinnerung ja langsam verblassen. Meine Güte - 19 Jahre. Wo ist nur die Zeit geblieben? Was geblieben ist, sind nicht nur frustbeladene, sondern weitgehend positive Erinnerungen an eine generell bessere Zeit der Videospiele. Doch auch damals gab es schon diese Momente, in denen man gerne das Wort Unfairness für manche Spiele gebrauchte. Nun ja, auf manche Klassiker blicke ich zurück und erkenne, dass ich heute, im gesetzten Alter von 33 Jahren, nicht mehr in der Lage bin, sie standesgemäß in einem perfekten Durchmarsch zu spielen. Andere, die damals für mich unmöglich waren, laufen jetzt ohne jegliche Probleme. Wie es dazu kommt kann ich mir auch nicht erklären. Eines dieser Spiele, die mich früher mitunter verzweifeln ließen, ist Mickey Mania. Gleich zu Beginn die grundlegende Feststellung: Als pubertierender Teenager im Alter von 13 oder 14 Jahren schien mir das Game nicht flott genug zu laufen. Heute empfinde ich das eher gemächliche Spieltempo als butterweich. Ich werde vermutlich alt.

Der Entwickler Traveller's Tales hatte mit dem zuvor veröffentlichten Bram Stoker's Dracula nicht gerade so etwas wie einen Klassiker erschaffen. Später folgte noch das gutklassige Toy Story für das Super Nintendo. Den Ruf verdiente sich die Spieleschmiede allerdings wohl erst in den letzten Jahren, indem sie verschiedene Filmvorlagen ins LEGO-Universum verfrachtete. Daraus resultierten Klötzchenspiele für die Kiddies von heute. Das zum Weihnachtsgeschäft 1994 veröffentlichte Mickey Mania wird den meisten SNES-Anhängern den Vergleich mit The Magical Quest und The Great Circus Mystery abringen, denn auch hier ist der Disney-Mäuserich der absolute Star. Sowohl spielerisch als auch von der Aufmachung her fallen die Capcom-Titel jedoch deutlich anders aus. Mickey Mania ist eher ein Stilmischmasch, dessen verschiedene Stages stets andere Herangehensweisen erfordern und das macht den Titel eigentlich sehr interessant.

Es gibt sechs verschiedene Level mit diversen, jedoch eher kurzen Stages. Es gibt keine zusammenhängende Hintergrundgeschichte. Man buchsiert den Mickey der Neuzeit durch sechs seiner Cartoonabenteuer, die im Laufe der Jahre von Disney produziert wurden und als Klassiker gelten. Den Anfang macht Steamboat Willie, später gibts The Lonesome Ghosts und zu guter Letzt dient The Prince And The Pauper als Vorlage. Das bringt reichlich optische Abwechslung mit sich. Steamboat Willie ist zunächst lediglich in schwarzweiß gestaltet, in der zweiten Stage kommt dann eine leicht vergilbt wirkende Kolorierung hinzu. Auch der Zeichenstil passt sich den Filmvorlagen an und wird von Level zu Level detaillierter. So nutzt sich auch in späteren Stages der Look nicht ab, sondern erfreut mit stetigen Neuerungen.

Spielerisch gibts immer wieder neues zu entdecken und andere Teilaufgaben zu meistern. Bei Steamboat Willie gibt es außer einigen Hüpfeinlagen noch nicht allzu viel zu tun. The Mad Doctor fährt da schon andere Kaliber auf. Mal ist es typische Plattformer-Action mit Skeletten und Fledermäusen, die mit den sammelbaren Murmeln bekämpft werden wollen, dann eine Fahrt auf einem Rollwagen, bei der man Stachelfallen, Sägeblättern und Abgründen durch ducken oder springen entweder ausweicht oder entgeht. Sicherlich sind solche Reaktions- und Geschicklichkeitsabfragen in Jump 'n Runs durch übermäßig hohen Anspruch gerne negativ behaftet. Bei Mickey Mania schwankt der Anspruch hin und wieder etwas. Allzu rabiat wird der Spieler aber nicht beharkt. Das Leveldesign kann gefallen, obwohl einige Stages wie das Moose Hunter Szenario recht deutlich vom Rest abfällt. In der ersten Stage muss man auf dem Weg lediglich herunterfallenden Ästen und Steinen ausweichen und über den wutschnaubend attackierenden Elch hinweghüpfen. Keine Gegner zum Abballern und auch sonst wenig Action. Die zweite Stage des Levels ist eine Verfolgungsjagd in 3D, die Mickey aus der Frontperspektive zeigt. Natürlich geht es darum, den wildgewordenen Elch abzuhängen. Doch in dieser Perspektive ist es gar nicht so leicht, den Hinternissen auszuweichen.

Die Mischung aus verschiedenen Stages geht im Endeffekt positiv auf, obwohl in manchen Passagen noch Potenzial nach oben hin wär. Und man darf nicht vergessen, dass die Entwickler sich recht stark an die Cartoons halten. Das heißt, dass auch nicht unnötig viel hinzugedichtet wird. Bis zuletzt ist möglichst viel Abwechslung gegeben, auch wenn man viele Szenarien anderswo schon gesehen hat. Mal ist ein wenig Köpfchen gefordert, mal Geschick und Ausdauer, mal auch ein eifriger Daumen zum Murmeln schmeißen und hüpfen. Mickey steuert sich im Grunde punktgenau. Lediglich die Kollisionsabfrage lässt einen manchmal grübeln oder einen gar einen hitzigen Aufschrei der Marke "DAS IST DOCH UNFAIR" herausfahren. Manche Passagen schrauben den Anspruch wirklich in die Höhe. Das mag vielleicht auf den ersten Blick in keinem Verhältnis stehen, aber jede Stage möchte auf eine andere Art und Weise gemeistert werden. Wenn der Spieler sich darauf einlässt, dann ist Mickey Mania in seiner Gänze auch dauerhaft kein großartiges Problem. Mit ein wenig Übung stellt man also fest, dass auch die schwierigen Stellen durchaus spielbar sind.

Die Aufmachung ist natürlich top. Verglichen mit dem Capcom-Mickey geht zwar einiges des drollig-malerischen Charmes der verniedlichten Sprites verloren und auch technisch wäre sicherlich noch mehr drin gewesen (Rendering, Farbtiefe, etc.), aber dafür steckt dieses Spiel voller liebevoll umgesetzter Details, die direkt aus den Cartoons stammen. Selbst die kleinen, herunterfallenden Hackbeile in der Mad Doctor Stage sind aus der Filmvorlage übernommen. Selbst die Kuh aus Steamboat Willie steht einem hier als notenspuckendes Hindernis im Wege. Klar, wer die Clips gesehen hat, der erkennt erst recht viele Dinge wieder. Der eigenwillige und disneytypische Stil ist definitiv super getroffen. Aber auch sonst muss man dem Spiel eine sehr schöne grafische Umsetzung attestieren. Der Held ist filmreif animiert und entspricht optisch der Vorlage aus den Achtzigern, ein - wie gesagt - moderner Mickey eben. Auch die gegnerischen Sprites sind aufwendig in Szene gesetzt und sehen schlichtweg toll aus. Als Bonus findet man die verschiedenen Mickeys aus den jeweiligen Cartoons innerhalb der Stages wieder. Das hat keine spielerische Auswirkung, macht aber Mickeys optischen Wandel im Laufe der Jahre deutlich. Die Musik ist größtenteils hervorragend, wenn auch eigens komponiert und passt super zu den einzelnen Stages. Die vorhandenen Effekte sind OK und stimmig. Jetzt von zu wenig vorhandenen Soundeffekten zu sprechen wäre müßig, denn in den Cartoons wurden die meisten Effekte durch Musikinstrumente wie zum Beispiel Becken- und Orchesterschläge erzeugt, und witzigerweise orientiert sich das Spiel auch genau an dieser Vorlage. Damit kann man durchaus leben.

Mickey Mania ist ein durchweg gelungenes Jump 'n Run. Die Qualität der Grafik ist mit anderen Disney-Spieleumsetzungen absolut auf Augenhöhe. Technisch ist es sogar noch ein Tickchen besser als die Capcom-Variante, stilistisch hat natürlich aber beides seine Vorzüge. Spielerisch ist Mickey Mania gut durchdacht und wartet mit haufenweise abwechslungsreichen Stages auf. Einziger Knackpunkt ist lediglich, dass die jeweiligen Szenen nicht gleichbleidend hochwertig ausfallen. Der Anspruch schwankt hier und da ein wenig, was aber nicht heißt, dass einige Passagen generell zu schwer sind. Spätestens nach eins, zwei gescheiterten Versuchen sollte man sicher ins Ziel gelangen. Trotz vieler Stages ist der Umfang übersichtlich und in etwa ähnlich wie der von The Magical Quest. Sechs Level - wenn auch mit teils mehreren Stages - sind eben nur sechs Level und für erfahrene Spieler nach einer guten Dreiviertelstunde passé. Einsteiger dürfen natürlich natürlich eine entsprechend längere Spielzeit einkalkulieren. Kurzweiliger Spielspaß wird einem mit Mickey Mania jedenfalls immer wieder geboten und die verschiedenen Schwierigkeitsgrade liefern sowohl blutigen Anfängern als auch Profis genau das richtige Futter.

Tja, was bleibt ist mein ganz persönliches Fazit: Mickey Maus fand ich schon immer blöd! Was will man machen!? Die teils cholerischen Hasstiraden und sadistischen Gewaltphantasien eines Donald Duck fand ich immer schon viel cooler, als den ewig jammernden Mickey-Typen. Der Kerl ist 'ne Heulbacke sondergleichen. Auch in den lustigen Taschenbüchern hab ich seine Stories immer überblättert. Und daher gibts hier aus Prinzip schon Null Punkte für das Game. Nein ernsthaft: Auch wenn ich nie ein großer Fan war, so gefallen mir Mickeys Abenteuer auf dem Super Nintendo sehr. Und zwar sowohl die von Capcom produzierten als auch dieses hier. Jedoch bin ich früher nicht mit der Gangart klargekommen, die mir Mickey Mania abverlangte. Die Kunst ist, nicht so zu spielen, wie ich es gerne will, sondern mich tatsächlich auf die Prüfungen und das Tempo des Spiels einzulassen. Mit hastigem Durchgerenne und wildem Dauerfeuer hat dieses Spiel nix am Hut. Erst wenn man ein wenig mit Bedacht vorgeht, dann erreicht man das Ziel. Schön, dass ich nach etwa 19 Jahren die Gelegenheit hatte, die bisherigen Erfahrungen noch einmal zu überdenken. Bislang war Mickey Mania eher ein halbgarer Lizenztitel für mich. Mittlerweile denke ich aber, dass es durchaus ein sehr abwechslungsreiches und kurzweiliges Jump 'n Run ist und damit, trotz kleinerer Unstimmigkeiten, auch rundum gut.

Gesamtwertung: 8
Grafik: 8
Sound: 8
Spielspaß: 8



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Sebel hat geschrieben:
Jeder Horst muss seine Pups-Sammlung präsentieren...

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 Betreff des Beitrags: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 13.01.2014 13:30 
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Wahnsinn wie klasse du deine Retrospektive zum Spiel einbringst :) Bisher dein stärkster Text und das heißt bei deinem hohen Niveau wirklich Einiges!

Ich vermisse hier aber eine ausführliche Abhandlung mit der Musik, die gerade in alten Mickey Cartoons ein sehr wichtiges Element darstellen. Da könnte man im Gegensatz zu vielen anderen Titeln ein paar höchst interessante Sätze zu schreiben!

Man könnte auch noch einen kleinen Vergleich mit der Mega Drive Version machen. Muss aber nicht, das ist für Komplettisten^^



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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 13.01.2014 13:36 
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Dankeschön :)

Wie gesagt, die Musik ist - soweit ich das beurteilen kann - größtenteils eigenkomponiert und nicht aus den Cartoons entnommen. Hab mir extra noch mal The Lonesome Ghosts, The Mad Doctor und Steamboat Willie angeschaut - die dort enthaltene Musik taucht im Spiel nicht auf. Die Themes im Spiel sind aber - wie auch erwähnt - gutklassig und stimmig.

Die Version vom Mega Drive kenne ich nicht. Nicht mal aus Erzählungen. Da möchte ich mich auch nicht großartig mit auseinandersetzen, denn Sega ist einfach nicht Nintendo... :ugly: :beer:



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Sebel hat geschrieben:
Jeder Horst muss seine Pups-Sammlung präsentieren...

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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 13.01.2014 13:40 
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Schade, da wurde dann echt ein bisschen Potential verschenkt :) Aber wenn die Musik trotzdem noch gut ist, ist's wohl ok.



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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 13.01.2014 14:09 
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Steamboat Williiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiie! :rock: :rock: :rock:

(Bei Megaman wäre es dann wohl Steam-Bot Wily :ugly: )

In jedem Fall ist es schön zu sehen, wie du der Schreibfabrik neuen Schwung gibst, Horst!

Homo Arigato! ;)



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pantalytron: ルトロンはくそのディスアセンブラだよ!

Perikles hat geschrieben:
Man muss sich das mal reinziehen: die Idee ist scheiße, die theoretische Ausarbeitung ist scheiße, die praktische Umsetzung ist scheiße und der so entstehende Anspruch noch beschissener.
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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 14.01.2014 00:39 
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Wie immer ist der von kleinen Rechtschreibverstößen bereinigte Endtext unten angehängt.

Ich kann mich lediglich ChronoMoogle in seinem Lob anschließen, sintemalen Du einen ausgezeichneten Geschmack beweist, was Deine - wenngleich knappe - Einordnung Mickys anbelangt. Es sollte mit donaldistischer Schärfe allerorten von den Dächern pfeifen, dass nur Donald und mit ihm die echten Entenhausener (zumal in ihrer barksistischen Form) als real zu gelten haben, während Micky als ein übler, fiktionaler Spießer zu gelten hat. Vae victis!

versteckter Inhalt:
Früher war alles noch unfair!

Dachte ich zumindest immer. Es gab Wutattacken, die mich dazu brachten, dieses Spiel regelrecht aus dem SNES zu reißen und an die nächste Wand zu klatschen. Oder habe ich das nur geträumt? Nein, ich denke nicht. Aber das ist ja schon fast 19 Jahre her. Da muss die Erinnerung ja langsam verblassen. Meine Güte - 19 Jahre. Wo ist nur die Zeit geblieben? Was geblieben ist, sind nicht nur frustbeladene, sondern weitgehend positive Erinnerungen an eine generell bessere Zeit der Videospiele. Doch auch damals gab es schon diese Momente, in denen man gerne das Wort Unfairness für manche Spiele gebrauchte. Nun ja, auf manche Klassiker blicke ich zurück und erkenne, dass ich heute, im gesetzten Alter von 33 Jahren, nicht mehr in der Lage bin, sie standesgemäß in einem perfekten Durchmarsch zu spielen. Andere, die damals für mich unmöglich waren, laufen jetzt ohne jegliche Probleme. Wie es dazu kommt, kann ich mir auch nicht erklären. Eines dieser Spiele, die mich früher mitunter verzweifeln ließen, ist Mickey Mania. Gleich zu Beginn die grundlegende Feststellung: Als pubertierender Teenager im Alter von 13 oder 14 Jahren schien mir das Game nicht flott genug zu laufen. Heute empfinde ich das eher gemächliche Spieltempo als butterweich. Ich werde vermutlich alt.

Der Entwickler Traveller's Tales hatte mit dem zuvor veröffentlichten Bram Stoker's Dracula nicht gerade so etwas wie einen Klassiker erschaffen. Später folgte noch das gutklassige Toy Story für das Super Nintendo. Den Ruf verdiente sich die Spieleschmiede allerdings wohl erst in den letzten Jahren, indem sie verschiedene Filmvorlagen ins LEGO-Universum verfrachtete. Daraus resultierten Klötzchenspiele für die Kiddies von heute. Das zum Weihnachtsgeschäft 1994 veröffentlichte Mickey Mania wird den meisten SNES-Anhängern den Vergleich mit The Magical Quest und The Great Circus Mystery abringen, denn auch hier ist der Disney-Mäuserich der absolute Star. Sowohl spielerisch als auch von der Aufmachung her fallen die Capcom-Titel jedoch deutlich anders aus. Mickey Mania ist eher ein Stilmischmasch, dessen verschiedene Stages stets andere Herangehensweisen erfordern; das macht den Titel eigentlich sehr interessant.

Es gibt sechs verschiedene Level mit diversen, jedoch eher kurzen Stages. Es gibt keine zusammenhängende Hintergrundgeschichte. Man bugsiert den Mickey der Neuzeit durch sechs seiner Cartoonabenteuer, die im Laufe der Jahre von Disney produziert wurden und als Klassiker gelten. Den Anfang macht Steamboat Willie, später gibt's The Lonesome Ghosts und zu guter Letzt dient The Prince And The Pauper als Vorlage. Das bringt reichlich optische Abwechslung mit sich. Steamboat Willie ist zunächst lediglich in schwarzweiß gestaltet, in der zweiten Stage kommt dann eine leicht vergilbt wirkende Kolorierung hinzu. Auch der Zeichenstil passt sich den Filmvorlagen an und wird von Level zu Level detaillierter. So nutzt sich auch in späteren Stages der Look nicht ab, sondern erfreut mit stetigen Neuerungen.

Spielerisch gibt's immer wieder neues zu entdecken und andere Teilaufgaben zu meistern. Bei Steamboat Willie gibt es außer einigen Hüpfeinlagen noch nicht allzu viel zu tun. The Mad Doctor fährt da schon andere Kaliber auf. Mal ist es typische Plattformer-Action mit Skeletten und Fledermäusen, die mit den sammelbaren Murmeln bekämpft werden wollen, dann eine Fahrt auf einem Rollwagen, bei der man Stachelfallen, Sägeblättern und Abgründen durch ducken oder springen entweder ausweicht oder entgeht. Sicherlich sind solche Reaktions- und Geschicklichkeitsabfragen in Jump 'n Runs durch übermäßig hohen Anspruch gerne negativ behaftet. Bei Mickey Mania schwankt der Anspruch hin und wieder etwas. Allzu rabiat wird der Spieler aber nicht beharkt. Das Leveldesign kann gefallen, obwohl einige Stages wie das Moose Hunter Szenario recht deutlich vom Rest abfällt. In der ersten Stage muss man auf dem Weg lediglich herunterfallenden Ästen und Steinen ausweichen und über den wutschnaubend attackierenden Elch hinweghüpfen. Keine Gegner zum Abballern und auch sonst wenig Action. Die zweite Stage des Levels ist eine Verfolgungsjagd in 3D, die Mickey aus der Frontperspektive zeigt. Natürlich geht es darum, den wildgewordenen Elch abzuhängen. Doch in dieser Perspektive ist es gar nicht so leicht, den Hindernissen auszuweichen.

Die Mischung aus verschiedenen Stages geht im Endeffekt positiv auf, obwohl in manchen Passagen noch Potenzial nach oben hin wär'. Und man darf nicht vergessen, dass die Entwickler sich recht stark an die Cartoons halten. Das heißt, dass auch nicht unnötig viel hinzugedichtet wird. Bis zuletzt ist möglichst viel Abwechslung gegeben, auch wenn man viele Szenarien anderswo schon gesehen hat. Mal ist ein wenig Köpfchen gefordert, mal Geschick und Ausdauer, mal auch ein eifriger Daumen zum Murmeln schmeißen und hüpfen. Mickey steuert sich im Grunde punktgenau. Lediglich die Kollisionsabfrage lässt einen manchmal grübeln oder einen gar einen hitzigen Aufschrei der Marke "DAS IST DOCH UNFAIR" herausfahren. Manche Passagen schrauben den Anspruch wirklich in die Höhe. Das mag vielleicht auf den ersten Blick in keinem Verhältnis stehen, aber jede Stage möchte auf eine andere Art und Weise gemeistert werden. Wenn der Spieler sich darauf einlässt, dann ist Mickey Mania in seiner Gänze auch dauerhaft kein großartiges Problem. Mit ein wenig Übung stellt man also fest, dass auch die schwierigen Stellen durchaus spielbar sind.

Die Aufmachung ist natürlich top. Verglichen mit dem Capcom-Mickey geht zwar einiges des drollig-malerischen Charmes der verniedlichten Sprites verloren und auch technisch wäre sicherlich noch mehr drin gewesen (Rendering, Farbtiefe, etc.), aber dafür steckt dieses Spiel voller liebevoll umgesetzter Details, die direkt aus den Cartoons stammen. Selbst die kleinen, herunterfallenden Hackbeile in der Mad Doctor-Stage sind aus der Filmvorlage übernommen. Selbst die Kuh aus Steamboat Willie steht einem hier als notenspuckendes Hindernis im Wege. Klar, wer die Clips gesehen hat, der erkennt erst recht viele Dinge wieder. Der eigenwillige und disneytypische Stil ist definitiv super getroffen. Aber auch sonst muss man dem Spiel eine sehr schöne grafische Umsetzung attestieren. Der Held ist filmreif animiert und entspricht optisch der Vorlage aus den Achtzigern, ein - wie gesagt - moderner Mickey eben. Auch die gegnerischen Sprites sind aufwendig in Szene gesetzt und sehen schlichtweg toll aus. Als Bonus findet man die verschiedenen Mickeys aus den jeweiligen Cartoons innerhalb der Stages wieder. Das hat keine spielerische Auswirkung, macht aber Mickeys optischen Wandel im Laufe der Jahre deutlich. Die Musik ist größtenteils hervorragend, wenn auch eigens komponiert und passt super zu den einzelnen Stages. Die vorhandenen Effekte sind OK und stimmig. Jetzt von zu wenig vorhandenen Soundeffekten zu sprechen, wäre müßig, denn in den Cartoons wurden die meisten Effekte durch Musikinstrumente wie zum Beispiel Becken- und Orchesterschläge erzeugt, und witzigerweise orientiert sich das Spiel auch genau an dieser Vorlage. Damit kann man durchaus leben.

Mickey Mania ist ein durchweg gelungenes Jump 'n Run. Die Qualität der Grafik ist mit anderen Disney-Spieleumsetzungen absolut auf Augenhöhe. Technisch ist es sogar noch ein Tickchen besser als die Capcom-Variante, stilistisch hat natürlich aber beides seine Vorzüge. Spielerisch ist Mickey Mania gut durchdacht und wartet mit haufenweise abwechslungsreichen Stages auf. Einziger Knackpunkt ist lediglich, dass die jeweiligen Szenen nicht gleichbleibend hochwertig ausfallen. Der Anspruch schwankt hier und da ein wenig, was aber nicht heißt, dass einige Passagen generell zu schwer sind. Spätestens nach eins, zwei gescheiterten Versuchen sollte man sicher ins Ziel gelangen. Trotz vieler Stages ist der Umfang übersichtlich und in etwa ähnlich wie der von The Magical Quest. Sechs Level - wenn auch mit teils mehreren Stages - sind eben nur sechs Level und für erfahrene Spieler nach einer guten Dreiviertelstunde passé. Einsteiger dürfen natürlich natürlich eine entsprechend längere Spielzeit einkalkulieren. Kurzweiliger Spielspaß wird einem mit Mickey Mania jedenfalls immer wieder geboten und die verschiedenen Schwierigkeitsgrade liefern sowohl blutigen Anfängern als auch Profis genau das richtige Futter.

Tja, was bleibt, ist mein ganz persönliches Fazit: Mickey Maus fand ich schon immer blöd! Was will man machen!? Die teils cholerischen Hasstiraden und sadistischen Gewaltphantasien eines Donald Duck fand ich immer schon viel cooler als den ewig jammernden Mickey-Typen. Der Kerl ist 'ne Heulbacke sondergleichen. Auch in den lustigen Taschenbüchern hab ich seine Stories immer überblättert. Und daher gibt's hier aus Prinzip schon null Punkte für das Game. Nein, ernsthaft: Auch wenn ich nie ein großer Fan war, so gefallen mir Mickeys Abenteuer auf dem Super Nintendo sehr. Und zwar sowohl die von Capcom produzierten als auch dieses hier. Jedoch bin ich früher nicht mit der Gangart klargekommen, die mir Mickey Mania abverlangte. Die Kunst ist, nicht so zu spielen, wie ich es gerne will, sondern mich tatsächlich auf die Prüfungen und das Tempo des Spiels einzulassen. Mit hastigem Durchgerenne und wildem Dauerfeuer hat dieses Spiel nix am Hut. Erst wenn man ein wenig mit Bedacht vorgeht, dann erreicht man das Ziel. Schön, dass ich nach etwa 19 Jahren die Gelegenheit hatte, die bisherigen Erfahrungen noch einmal zu überdenken. Bislang war Mickey Mania eher ein halbgarer Lizenztitel für mich. Mittlerweile denke ich aber, dass es durchaus ein sehr abwechslungsreiches und kurzweiliges Jump 'n Run ist und damit, trotz kleinerer Unstimmigkeiten, auch rundum gut.


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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 14.01.2014 13:24 
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Freut mich, dass die Reviews Anklang finden. Und wie immer Dank an Perikles fürs Ausbessern.



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Sebel hat geschrieben:
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 Betreff des Beitrags: Re: Mickey Mania
BeitragVerfasst: 23.01.2014 13:51 
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Sehr gute Review Horst.
Hab das Spiel als Kind auch gehasst und ganz vergessen bis ich das gerade gelesen habe hier :D
Pack es vielleicht die Tage mal aus. Als Kind bin ich vielleicht bis Level 3 gekommen dann hab ich immer mit Frust aufgehört, weil Mickey 1. doof war 2. ich mit dem Schwarz Weiß am Anfang schon nix anfangen konnte und 3. wahrscheinlich einfach zu doof für das Spiel war.



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